Bierstachel selber schmieden – vom Rundstahl zum besonderen Biergenuss

Manchmal entstehen die besten Projekte ganz ungeplant. Eigentlich wollte ich für eine Jubiläumsveranstaltung in meinem Heimatdorf nur meine kleine Feldschmiede ausstellen. Bei den Vorbereitungen erzählte mir ein Freund vom Bierstacheln – und natürlich kam schnell der Gedanke auf:

So einen Bierstachel könnten wir doch selbst schmieden.

Ich fand die Idee klasse, hätte sie aber vermutlich erst einmal auf die lange Bank geschoben. Mein Freund sah das anders. Wenige Tage später rief er mich an und fragte:

„Wann schmieden wir denn nun den Bierstachel?“

Und damit nahm das Projekt plötzlich Fahrt auf.

Von der Dorfgeschichte zum Bierstachel

Der eigentliche Anlass für das Projekt war eine Ausstellung historischer Landtechnik bei einer Jubiläumsveranstaltung in meinem Heimatdorf.

Unser Dorf besitzt eine lange Schmiedetradition. Nach dem Niedergang des Bergbaus ab etwa 1650 war der Ort bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts stark vom Nagelschmieden geprägt.

Als Hobbyschmied wollte ich deshalb meine kleine Feldschmiede samt Amboss und einigen Werkzeugen ausstellen. Zusätzlich hatte ich ein Infoplakat gestaltet, um an diesen Teil unserer Dorfgeschichte zu erinnern.

Bei einem der Planungsgespräche kamen wir dann auf das Schmieden und schließlich auf das Bierstacheln zu sprechen.

Feldschmiede und Amboss für das Schmieden eines Bierstachels
Mein Schmiedesetup mit Feldschmiede und Amboss – hier sollte wenige Tage später unser Bierstachel entstehen.

Was ist eigentlich ein Bierstachel?

Beim Bierstacheln wird ein stark erhitzter Metallstab für kurze Zeit in kaltes Bier getaucht. Dabei entsteht ein dichter, warmer Schaum und Geschmack sowie Mundgefühl des Bieres verändern sich.

Über den Ursprung gibt es unterschiedliche Geschichten. Eine verbreitete Überlieferung erzählt von Schmieden, die mit einem heißen Schürhaken ihr im Winter sehr kaltes Bier erwärmten. Historisch eindeutig belegt ist diese Herkunft allerdings nicht. Der Deutsche Brauer-Bund nennt als möglichen Ursprung auch englische Hafenarbeiter im 19. Jahrhundert.

Heute werden zum Stacheln gerne kräftige und malzbetonte Biere verwendet, beispielsweise Bock- und Doppelbockbiere.

Quellen: Deutscher Brauer-Bund · Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan

Aus „müsste man mal“ wird „machen wir jetzt“

Ich fand die Idee eines selbst geschmiedeten Bierstachels sofort interessant. Aber wie das so ist: Andere Projekte warten, der Alltag kommt dazwischen und aus einem „Das müsste man mal machen“ werden schnell ein paar Monate.

Ohne meinen Freund wäre es vermutlich genauso gekommen.

Ein paar Tage nach unserem Gespräch rief er mich an und fragte ziemlich unvermittelt:

„Wann wollen wir denn nun einen Bierstachel schmieden?“

Er wollte das Bierstacheln sogar bei der Jubiläumsveranstaltung vorführen. Bis dahin waren es nur noch wenige Tage.

Nach einem Blick in meinen Terminkalender war klar: Das bekommen wir hin.

Manchmal braucht ein Projekt eben jemanden, der nicht lange darüber redet, sondern einfach fragt: „Wann machen wir es?“

Ein Stück Rundstahl muss reichen

Runder Baustahl als Ausgangsmaterial für einen selbst geschmiedeten Bierstachel
Der Anfang war ziemlich unspektakulär: Dieses Stück Rundstahl sollte unser Bierstachel werden.

Wenige Tage später wurde die Feldschmiede angeheizt, ein Schraubstock befestigt und die Hämmer lagen bereit.

Einen Bauplan hatten wir nicht. Nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie der fertige Bierstachel aussehen sollte.

Als Ausgangsmaterial diente uns ein Stück runder Baustahl. Im Nachhinein betrachtet hätten wir es uns mit etwas dünnerem Material durchaus leichter machen können. Aber das Stück war da – also wurde es verarbeitet.

Glühender Rundstahl wird auf dem Amboss zu einem Bierstachel geschmiedet
Stück für Stück bekommt der Rundstahl seine neue Form.

Zunächst schmiedeten wir den Rundstahl teilweise eckig und formten das Ende, das später erhitzt und ins Bier getaucht werden sollte.

Ein einfacher Eisenstab hätte seinen Zweck vermutlich schon erfüllt. Aber wenn wir uns die Arbeit machen, sollte das Ergebnis auch nach etwas aussehen.

Also schmiedeten wir den Schaft weiter aus und versahen ihn mit zwei Verdrehungen. Am anderen Ende entstand ein geschlossener Griff, der ein wenig an einen alten Schürhaken erinnert.

Wie so oft bei solchen Projekten entwickelte sich das endgültige Design erst während der Arbeit am Amboss.

Nach mehreren Stunden und ziemlich vielen Hammerschlägen war aus unserem Rundstahl tatsächlich ein Bierstachel geworden.

Noch etwas Feinarbeit

Geschmiedeter Bierstachel wird mit einer rotierenden Drahtbürste gereinigt
Mit der rotierenden Drahtbürste entferne ich lose Zunderreste und arbeite die Oberfläche auf.

Nach dem Schmieden arbeitete ich die Oberfläche noch mit einer rotierenden Drahtbürste an der Bohrmaschine auf.

Dabei ging es mir nicht darum, den Bierstachel auf Hochglanz zu bringen. Die Hammerschläge und kleinen Unebenheiten dürfen ruhig sichtbar bleiben.

Schließlich soll man sehen, dass er von Hand geschmiedet wurde.

Fertiger Bierstachel neben dem ursprünglichen Rundstahl
Vorher und nachher: Aus einem einfachen Stück Rundstahl ist unser fertiger Bierstachel entstanden.

Jetzt fehlt nur noch das Bier

Natürlich wollten wir jetzt wissen, ob unser Bierstachel auch funktioniert.

Eigentlich eignen sich dafür eher kräftige, malzbetonte Biere wie Bock, Doppelbock oder Weizenbock.

Natürlich hatten wir davon gerade nichts zur Hand.

Also musste für den ersten Versuch ein ganz normales Pils herhalten.

Selbst geschmiedeter Bierstachel neben einem Glas Bier
Alles bereit für den ersten Test. Jetzt musste sich zeigen, ob unser Bierstachel auch in der Praxis funktioniert.

Wir brachten das Ende des Bierstachels im Kohlefeuer wieder ordentlich auf Temperatur und tauchten den heißen Bereich anschließend vorsichtig und nur kurz in das Bier.

Und siehe da: Es funktionierte.

Das Bier schäumte sofort kräftig auf und es entstand eine feine, cremige Schaumkrone.

Der Stachel bleibt dabei nur kurz im Glas. Das Bier soll schließlich nicht komplett warm werden. Gerade der Gegensatz zwischen dem weiterhin kühlen Bier und dem warmen Schaum macht einen Teil des besonderen Erlebnisses aus.

Und wie schmeckt das Bier?

Jetzt kam natürlich der wichtigste Teil des ganzen Projektes:

Probieren!

Und tatsächlich schmeckte selbst unser einfaches Pils anders als vorher. Das Bier wirkte auf uns etwas milder und weicher. Besonders interessant war aber die Kombination aus kühlem Bier und warmem, cremigem Schaum.

Unser Pils war sicherlich nicht die optimale Wahl und eine professionelle Bierverkostung war das Ganze auch nicht.

Aber darum ging es uns beim ersten Versuch gar nicht.

Unser selbst geschmiedeter Bierstachel funktionierte – und darauf waren wir schon ein bisschen stolz.

Damit stand auch einer Vorführung bei der Jubiläumsveranstaltung nichts mehr im Wege.

Aus einer Idee wird Handwerksgeschichte

Genau solche Projekte machen für mich den Reiz am Selbermachen aus.

Aus einem einfachen Stück Rundstahl entstand mit Kohle, Feuer, Hammer und Amboss ein Gegenstand, den wir anschließend direkt ausprobieren konnten.

Und ohne den Anruf meines Freundes? Dann hätte ich wahrscheinlich irgendwann auch einen Bierstachel geschmiedet. Nur vermutlich nicht so schnell, nicht für diese Jubiläumsveranstaltung und vielleicht auch nicht gemeinsam mit ihm.

So wurde aus einem beiläufigen Gespräch innerhalb weniger Tage ein kleines gemeinsames Schmiedeprojekt – passend zu einer Veranstaltung, bei der wir an die alte Schmiedetradition unseres Dorfes erinnern wollten.

Wenn das nicht gelebte Handwerksgeschichte ist, dann weiß ich auch nicht.

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